Zu echt für dieses System? // Warum Anpassung teuer ist und es Mut braucht, im falschen System „Nein“ zu sagen.

Eine sehr ehrliche Betrachtung von Authentizität und Über den Mut, im falschen System „Nein“ zu sagen.


Herzlich willkommen zu dieser Folge.

Heute möchte ich eine Frage mit dir teilen, die mich selbst lange beschäftigt hat – und vielleicht auch dich berührt: Wie echt darf ich in diesem System sein?

Damit meine ich nicht nur die Arbeitswelt, sondern das große Ganze – unsere Gesellschaft, unsere Familien, Freundeskreise, unsere Kultur.
Immer wieder habe ich mich gefragt: Muss ich eigentlich eine bestimmte Rolle spielen, um dazuzugehören? Oder darf ich wirklich so sein, wie ich bin – auch wenn ich anders bin?

Das System und unsere Masken

Von klein auf lernen wir, wie wir uns „richtig“ verhalten sollen. Richtig für andere. Es geht dabei nämlich selten darum was für uns selbst richtig ist. Und das ist der Punkt, an dem wir verlernen wir selbst zu sein. Verlernen unsere eigenen Grenzen zu spüren und damit zwangsläufig auch sie einzuhalten. Wir sind gut für andere. 

In der Schule: sei fleißig, sei brav, falle nicht zu sehr auf.
Im Job: funktioniere, passe dich an, mach keine Fehler. Und hier kommt ja auch noch der Faktor Gehalt hinzu, der die Hürde authentisch zu sein vielleicht noch etwas höher aussehen lässt.
In Beziehungen: sei lieb, sei unkompliziert, sei bitte so, dass du niemandem zur Last fällst. Hier kommt die Verlustangst vielleicht hinzu, die die Hürde authentisch zu sein noch etwas höher aussehen lässt. 

Das System, in dem wir leben, liebt Anpassung. Es belohnt Menschen, die reibungslos funktionieren.
Doch was passiert dabei? Wir legen Masken an. Wir zeigen oft nur die Teile von uns, die akzeptiert werden. Der Rest – unsere Unsicherheiten, unsere Widersprüche, unsere wahren Sehnsüchte – bleibt verborgen.

Ein kleiner Schwenk in die Theorie: 

In der humanistischen Psychologie, z.B. laut Carl Rogers entsteht Authentizität, wenn das „Selbstkonzept“ (wie man sich selbst sieht) und die „Erfahrungen“ (was man tatsächlich erlebt) übereinstimmen. Je größer die Diskrepanz, desto weniger authentisch fühlt man sich, desto weniger kongruent ist man. 

Kongruent wäre also: Jemand spürt, dass er traurig ist, erlaubt sich diese Traurigkeit, zeigt sie vielleicht auch im Kontakt mit anderen. → Sein Selbstbild („ich darf Gefühle haben“) passt zu seiner inneren Erfahrung.

Inkongruent wäre also: Jemand ist traurig, aber sein Selbstbild lautet „ich darf keine Schwäche zeigen“. → Er blendet die Traurigkeit aus oder überspielt sie, was zu innerem Konflikt führt.

Mit anderen Worten: 

Authentische Menschen sind sich ihrer eigenen Bedürfnisse, Motive und Gefühle bewusst – und können sie akzeptieren, auch wenn sie unangenehm sind.

Der teure Preis der Anpassung

Auch wenn ich kein Zahlenmensch bin aber hier würde mich wirklich mal interessieren.. Wie viel Prozent aller Menschen haben das Gefühl selbstkongruent zu sein? Ich stelle immer wieder fest, dass es da auch viele kulturelle Unterschiede gibt. 

Aber zurück zum Thema: 

Was kostet es uns eigentlich, wenn wir uns zu sehr anpassen? Was ist schlimm daran?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: du bist umgeben von Menschen, aber du fühlst dich einsam.
Du lächelst, aber innerlich bist du erschöpft.
Du wirst anerkannt – aber nicht für das, was du bist, sondern für die Rolle, die du spielst.

In meinem Fall hat mir mein Körper öfter deutliche Signale gegeben, wenn ich mich mit Menschen treffen wollte, auf die ich eigentlich gar keine Lust hatte: Ich hab Migräne bekommen. 

Der Preis der Anpassung ist hoch: Wir verlieren Stück für Stück die Verbindung zu uns selbst. Und irgendwann wissen wir gar nicht mehr: Wer bin ich eigentlich, wenn ich alle Masken abnehme? In meinem Fall war es auch: Mit wem möchte ich mich eigentlich WIRKLICH umgeben? Wer tut mir wirklich gut?

Wie authentisch darf man sein?

Hier kommt die große Preisfrage: Darf man in diesem System überhaupt noch authentisch sein?
Oder ist Echtheit zu gefährlich, zu unbequem? Darf ich sagen, wenn ich keine Lust hab mich zu treffen? 

Ehrlich gesagt: Ja, es kann unbequem sein. Echtheit eckt an.
Wenn du sagst, was du wirklich denkst, stößt du vielleicht Menschen vor den Kopf.
Wenn du zeigst, wie es dir wirklich geht, überforderst du vielleicht andere.
Wenn du Grenzen setzt, enttäuschst du Erwartungen.

Aber die Alternative – immer angepasst zu sein – ist noch gefährlicher. Denn dann verlierst du dich.

Psychologische Sicherheit und heilende Räume

Was wir brauchen, sind Räume, in denen Echtheit möglich ist.
Psychologische Sicherheit bedeutet: Ich darf mich zeigen, ohne Angst vor Abwertung.
Das kann ein Team sein, ein Freundeskreis, eine Familie, eine Partnerschaft – oder auch der Raum, den du dir selbst gibst.

Und wenn wir solche Räume erleben, sind sie heilend.
Denn plötzlich spüren wir: Ich muss nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Ich darf Fehler machen, ich darf zweifeln, ich darf anders sein und vor allem: Ich darf ich selbst sein.
Das sind die Momente, in denen wir wirklich aufatmen.

Und natürlich dürfen wir auch selbst sichere Räume schaffen, in denen andere Menschen aufatmen können. Du kannst ja für dich auch mal reflektieren: Wie sehr können andere in meiner Nähe sie selbst sein? Wenn du Kinder hast zum Beispiel: In welchem Maß dürfen meine Kinder auch einfach sie selbst sein? 

Mut zur Echtheit

Natürlich braucht es Mut, sich echt zu zeigen. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben – sondern trotz der Angst ein kleines Stück mehr du selbst zu sein.
Und nein, du musst nicht von heute auf morgen radikal alles aufdecken. Es reicht, in kleinen Schritten mutiger zu werden:

  • In einem Gespräch deine echte Meinung teilen.
  • Ein Bedürfnis klar aussprechen.
  • Oder dir selbst eingestehen: Das bin ich – und das darf ich sein.

Mut zur Echtheit heißt auch: nicht überall gefallen zu wollen. Und genau da liegt Freiheit.


Vielleicht ist Echtheit im System manchmal unbequem. Vielleicht stößt du an Grenzen, vielleicht eckst du an.
Aber noch gefährlicher ist es, dich selbst zu verlieren.
Die Frage ist also nicht nur: Wie echt darf ich in diesem System sein? Sondern auch: Wie echt darf und sollte ich mir selbst gegenüber sein?

Danke, dass du heute dabei warst.

Nimm diese Frage ruhig mit in deinen Alltag – und vielleicht findest du diese Woche einen Moment, in dem du ein Stück authentischer sein kannst.

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner